Psychosynthese...

…trifft Carl Rogers (Klientenzentrierte Therapie)

Entwicklung ist die Sprache des Lebens

Die Psychosynthese geht davon aus, dass der Mensch eine natürliche Tendenz zur Entwicklung in sich trägt. Häufig wird dabei von der Seele oder dem Selbst gesprochen – einer inneren Instanz, die uns auf Sinn, Ganzheit und Entfaltung hin orientiert.

Für manche Menschen ist diese Sprache unmittelbar verständlich. Andere tun sich mit Begriffen wie Seele eher schwer. Das muss aber kein Widerspruch sein. Denn derselbe Gedanke lässt sich auch aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.

Wenn wir uns als Teil der Natur verstehen, dann gelten für uns dieselben Grundprinzipien wie für alles Lebendige. Leben bedeutet nicht Stillstand. Lebendige Systeme streben ständig nach einem dynamischen Gleichgewicht. Die Biologie nennt diesen Prozess Homöostase. Organismen bleiben nicht gesund, indem sie unverändert bleiben, sondern indem sie sich fortlaufend regulieren, auf Veränderungen reagieren und immer wieder ein neues Gleichgewicht herstellen.

Stabilität entsteht also nicht trotz Veränderung – sondern gerade durch sie.

Ein ganz ähnlicher Gedanke findet sich bei dem humanistischen Psychologen Carl Rogers. Er sprach von der Aktualisierungstendenz, einer jedem Organismus innewohnenden Kraft, die auf Wachstum, Entwicklung und die Verwirklichung der eigenen Möglichkeiten ausgerichtet ist.

Besonders anschaulich wird das in seiner berühmten Geschichte von der Kartoffel.

Rogers beschreibt eine Kartoffel, die monatelang in einem dunklen Keller liegt. Die Bedingungen könnten kaum schlechter sein. Und trotzdem treibt sie aus. Lange, blasse Triebe wachsen unbeirrt in Richtung des kleinsten Lichtstrahls.

Ich liebe dieses Bild.

Nicht, weil die Kartoffel besonders optimistisch wäre – dafür sind Kartoffeln eher nicht bekannt. Sondern weil sie etwas Grundlegendes zeigt. Leben sucht seinen Weg. Selbst unter widrigen Bedingungen richtet es sich auf Wachstum aus.

Mich erinnert dieses Bild unmittelbar an die Psychosynthese. Dort arbeiten wir häufig mit Symbolen wie Licht oder der Sonne. Und dies nicht als dekorative Esoterik, sondern als Ausdruck einer inneren Ausrichtung auf Entwicklung und Bewusstsein.

Was Carl Rogers als Aktualisierungstendenz beschreibt, nennt die Psychosynthese den Entwicklungsimpuls des Selbst oder der Seele. Die Begriffe unterscheiden sich. Die Erfahrung, auf die sie verweisen, wirkt erstaunlich ähnlich.

Vielleicht sprechen beide Ansätze dieselbe Sprache, nur mit unterschiedlichen Dialekten.

Der eine beschreibt den Lebensimpuls biologisch und psychologisch, der andere ergänzt eine spirituelle Dimension. Beides muss sich nicht ausschließen. Im Gegenteil, diese Perspektiven können sich gegenseitig bereichern.

In der therapeutischen Arbeit ist letztlich ohnehin etwas anderes entscheidend. Immer wieder erleben wir, dass Menschen selbst nach Krisen, Traumata oder langen Phasen des Stillstands einen inneren Impuls in sich tragen, der sie zurück in Richtung Lebendigkeit führt. Manchmal kaum spürbar. Manchmal überraschend kraftvoll, aber erstaunlich zuverlässig.

Genau darin liegt für mich eine der schönsten Botschaften der Psychosynthese.

Wir müssen Entwicklung nicht künstlich erzeugen. Unsere Aufgabe besteht vielmehr darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen das, was ohnehin wachsen möchte, wachsen kann.

Entwicklung ist deshalb nicht das Ziel des Lebens.

Sie ist seine natürliche Bewegungsrichtung.